Vor 1900

Die Steglitzer Schlossstraße wurde in der Regierungszeit von Friedrich Wilhelm II als erste preußische Chaussee nach Plänen von Carl Gottfried von Langhans geplant und ist Teil des historischen Verkehrswegs von Berlin nach Potsdam, welcher Anfang des 20 Jahrhunderts als Reichsstraße 1 von Königsberg durch Berlin bis nach Aachen führte.

Entlang der Potsdamer Chaussee, wie der Straßenzug zu dieser Zeit noch hieß, siedelten sich in den folgenden Jahren eine Vielzahl von Schmieden und Gaststätten an, welche sich in den 30er und 40er Jahren des 19 Jahrhunderts zu einem beliebten Ausflugsziel der Berliner entwickelten.

Die Schlossstraße, welche ihren Namen durch das Wrangelschlösschen am Westende der heute nicht mehr existenten Steglitzer Dorfaue erhielt, verdankt ihren Aufstieg jedoch nicht so sehr ihrer Funktion als Fernstraße, sondern vielmehr der Eisenbahn. Mit dem Bau eines Stationsgebäudes der Berlin-Potsdamer Eisenbahn 1873 stieg die Einwohnerzahl sowie die Bebauung rapide an. Hatte Steglitz 1855 nur 648 Einwohner, so wuchs deren Zahl bis 1900 bereits auf etwa 21.500 Bewohner an, und Steglitz entwickelte sich zu einem städtischen Wohnvorort von Berlin.

1900

Mit zunehmendem Bevölkerungsanstieg änderte sich in den folgenden Jahren auch die Bebauung stark. Die Grundstücke wurden parzelliert sowie Seitenstraßen angelegt. Um die Jahrhundertwende wandelte sich das Bild der Schlossstraße von bis dahin einzelnen Gebäuden ländlichen Charakters zu drei- bis vier-stöckigen städtischen Häusern mit Höfen und Gartenhäusern in geschlossener Bauweise. Die Schlossstraße war ab diesem Zeitpunkt funktional eine Wohnstraße mit wachsender Anzahl von Geschäften und Dienstleistungsangeboten. Im Zuge der Einrichtung von Geschäften im Erdgeschoß wurden die Vorgärten beseitigt, so dass die Schlossstraße auf etwa 30 Meter verbreitert wurde.

20.Jahrhundert

Am 23 März 1907 eröffnete der Steglitzer Kaufmann Moritz Feidt auf dem Grundstück Schlossstraße Ecke Kieler Straße das erste mehrstöckige Warenhaus (Abb. 2, Jahr 1925). Trotz der Ansiedelung weitere Geschäfte wie etwa dem Feinkostgeschäft Bechtholt & Nöthling sowie anderen Geschäften des täglichen Bedarfs, besaß das Quartier zu diesem Zeitpunkt nur lokale Bedeutung.

1925

Nach dem ersten Weltkrieg verstärkte sich die Funktion der Schlossstraße als lokales Zentrum. Die Zahl an kleinen Lebensmittelgeschäften ging stark zurück, während die Verkaufsfläche von Geschäften, die überwiegend industriell gefertigte Massenware wie etwa Schuhe sowie Textilien anboten, stark anwuchs. Parallel hierzu nahm die Anzahl an Betrieben des produzierenden Gewerbes deutlich ab.

Trotz dieser Entwicklung blieb die City Berlins mit der Friedrichstraße und der Leipziger Straße mit dem Kaufhaus Wertheim das Haupteinkaufszentrum der Steglitzer für gehobenen Bedarf sowie Kultur und anspruchsvolle Unterhaltung.

Fast unzerstört – im Gegensatz zu Friedrichstraße und Leipziger Straße – entwickelte sich die Schlossstraße hinter Kurfürstendamm und Tauentzienstraße nach dem zweiten Weltkrieg zur zweitwichtigsten Einkaufsstraße im Westen der Stadt. Zum Einen profitierte die Schlossstraße von einem bis nach Potsdam reichenden Einzugsgebiet mit kaufkräftiger Bevölkerung, zum Anderen wurden viele Geschäfte aus dem im sowjetischen Sektor gelegenen Mitte nach Steglitz verlagert.

Der Grundstein für die rasante Nachkriegsentwicklung wurde jedoch bereits mit Grundstückskäufen von Karstadt und Wertheim in den 20er Jahren (1927, 1928) gelegt, auch wenn die geplanten Bauvorhaben aus wirtschaftlichen Gründen nicht umgesetzt wurden. Nach einer kurzen Zeit des Provisoriums im Gebäude des ehemaligen Kaufhauses Feidt, eröffnete Wertheim 1952 sein viergeschossiges Haus mit 5.000 m² Verkaufsfläche. Bis Anfang der 60er Jahre blieb Wertheim das einzige Warenhaus in der Schlossstraße.

1964

Alleine im Jahr 1950 eröffneten neben Peek & Cloppenburg drei weitere Textilgeschäfte:

1953

Leineweber an der Schlossstraße Ecke Feuerbachstraße, das Stoffhaus Carl-Zimmerling am Hermann Ehlers-Platz sowie Loden-Frey an der Stelle des heutigen Kreisels. Nicht nur die genannten Textilhäuser verlagerten ihren ehemaligen Geschäftsstandort von der Leipziger Straße in die Schlossstraße, sondern auch die Schuhhäuser Leiser, Stiller sowie 1954 die Firma Wieland-Schuhe ließen sich in der Schlossstraße nieder und machten sie so zum „Schuhzentrum Berlins“. Bereits zu diesem Zeitpunkt sprach man von der Schlossstraße als der „Neue Leipziger Straße“. Gefestigt wurde dieser Ruf nachdem 1956 noch C & A sowie 1959 Boeldicke ihre Geschäfte in der Schlossstraße eröffneten.

1953
1956
1951
1957

Parallel zur Ansiedlung der Textilhäuser eröffneten immer mehr gastronomische Betriebe wie „K im Kreis“ – der Betrieb Kempinski – und das Café Huthmacher. Nicht nur die großen Warenhäuser und Einzelhandelsketten sorgten für die Entwicklung der Schlossstraße zum Einkaufszentrum, sondern vor allem auch die immer zahlreicher werdenden kleinen Einzelhandelsgeschäfte für Damen und Herren Oberbekleidung sowie Schuheinzelhandel.

Anfang der 60er Jahre, im Zuge der Eröffnung weiterer Kaufhäuser wie Ebbinghaus (1962), Woolworth (1963), Karstadt (1967) sowie eines der ersten Berliner Einkaufszentren, dem „Forum Steglitz“ (1970), wurde die Steglitzer Schlossstraße nach dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße zu Westberlins zweitwichtigster Einkaufsstraße.

1967
1970

Nach dem Bau des „Forum Steglitz“ folgten in den 80er Jahren nur wenige Investitionen in den Einzelhandelsstandort. Dies änderte sich erst wieder Mitte der 90er Jahre mit dem Bau des heutigen Naturkaufhauses Galleria (1995) und des Umbaus des Bekleidungshauses C & A (1998). Mit dem Neubau der Einkaufszentren „das Schloss“ (2000) und „Schloss-Strassen-Center“ (SSC, 2007) sowie der Modernisierung des „Forum Steglitz“ (2007) entwickelte sich entlang der Schlossstraße eine Konzentration von Einkaufszentren wie sie bundesweit einzigartig ist. Zeitgleich wurde Peek & Cloppenburg umgebaut und erweitert. Jüngster Zugang ist der neue Karstadt, der 2009 seine Pforten öffnete. Der bislang letzte Meilenstein in der Modernisierung der Schlossstraße ist der Neubau des Einkaufszentrums „Boulevard Berlin“ unter der Einbeziehung von Karstadt. Die Fertigstellung eines der größten innerstädtischen Einkaufszentren mit 76.000 m² Verkaufsfläche ist für Frühjahr 2012 geplant.

 

Quelle: Stefan Schulz, Der Wandel im Einzelhandel – Geschäftsstraßenmanagement als Instrument zur nachhaltigen Stabilisierung und Stärkung der Berliner Schloßstraße, Göttingen 2010 (= Masterarbeit)